SCHNIPSEL

es gibt eine art des denkens, das nichts von sich weiß.

// oliver storz, die freibadclique

 

gute vorsätze sind ein merkwürdiges phänomen. durch ihre existenz beweisen sie die eigene ungültigkeit.

// juli zeh, corpus delicti

 

entzückt erkannte ich den geruch von holz und staub wieder, es hätte ein geruch voll traurigkeit sein können, aber für mich roch so die ruhe. das wichtigste wort, das ich kenne: ruhe. das schönste war >>liebe<<, aber diese beiden worte schlossen sich gegenseitig aus, vielleicht sehnte ich mich deshalb so nach ruhe.

// maria nurowska, briefe der liebe

 

langweilig, wie nur eine ausgedachte geschichte sein kann. die wirkliche langeweile ist wenigstens unterhaltsam, weil unzulänglich und damit befriedigend für jeden, der mit sich und seinem leben im reinen ist. auf den das nicht zutrifft, der soll sich ruhig weiter bescheißen lassen. irgendwo muss die gerechtigkeit ja zu ihrem recht kommen.

// anonym, einfach so

 

manchmal denke ich, es gibt jede menge wörter und redewendungen, die sind so abgelutscht, dass es einen ekelt, aber es macht die verständigung so schwer, wenn man meint, auf sie verzichten zu müssen.

// renate welsh, liebe schwester

 

ich schob das päckchen über den tisch, und an der zellophanhülle blieben krümel kleben. unser leben war so klein, dass wir die krümel beide bemerkten. natalie pulte sie mit ihren langen fingernägeln ab. und schnipste sie weg. krümel für krümel.

// augusten burroughs, krass

 

nichts ist so langweilig, wie eine erfundene geschichte.

// bahnfahrer, köln-hamburg

 

never trust a brilliant idea unless it survives the hangover.

// jimmy breslin, amerikansicher journalist & autor

 

und nun lag traudel im krankenhaus, und das war alles abzusehen. und ich war  trotzdem erschrocken, als mein vadder eines morgens bei uns vor der tür stand. ich hatte sie am tag vorher noch besucht. meine mutter. sie hat kaum die augen aufgekriegt, die hatten ihr wohl irgendwas gegeben. "sonja", hat sie gesagt, mehr eigentlich nicht. das war gar nicht mehr meine mudder. aber wie mein vadder vor der tür stand, war mir kotzübel. ich wusst auf einmal, dass meine mutter gestorben ist, ich mein, nicht bloß, dass sie gestorben ist. sondern dass das meine mutter war, als hätt  ich plötzlich wieder eine mutter gehabt, gehabt, ja.

// judith zander, dinge die wir heute sagten

 

er protestierte und sagte, er hätte sein leben in die eigene hand genommen, er sei  schließlich stellvertretender industrieleiter geworden! und vater! und mit magdalena verheiratet gewesen! "das ist dein gegenbeispiel?", fragte ich zurück und konnte mir den spott nicht verkneifen.

"wie willst du das denn beurteilen?", wehrte er sich.

"ich war dabei!", sagte ich.

"du warst ein kind!", sagte johannes.

"soll ich dir erzählen, was ein kind sieht"?, fragte ich und resegniert sagte er: "lieber nicht."

// pia ziefle, suna

 

he needs me. he doesn't know it, but he needs me.

// nina simone, sängerin

 

nichts beeindruckendes, sondern das befreiende im ausdruck ist der eindruck, den  der hinterlässt, dessen resonanz auf sich warten lässt, um dann aber von der fülle erfüllt zu sein, die die leere hinterlässt. sinnentleert und somit frei für den unsinn entfacht sich dann frohsinn.

// gerhard polt

 

"ich fand schon immer, das inspiration etwas für amateure ist – der rest von uns erscheint einfach zur arbeit und legt los."

// chuck close, maler

 

"unter der flagge der wahrheit segelt der grobian am liebsten."

// aus den "fliegenden blättern"

 

"manchmal lähmt mich eine gewaltige apathie, und schon im nächsten moment bin ich nur noch alarm. (...) ich war eine idiotische priesterin des postiven denkens. ich hatte meine intellektuelle sehkraft um fünfzig prozent gesenkt."

"geht das?", fragte johanna.

"ja, das geht."

// silvia bovenschen, nur mut

 

"nothing was waiting for me. everything was awaiting me."

// patti smith, just kids

 

"...,ist es, als hätte man alles begriffen: keine ahnung, welchen sinn es hat, aber schön, dass alle dabei sind."

// till raether, zweite halbzeit

 

"kunst ist (jedoch) immer regional. wenn exakt und akribisch erzählt wird, taugt eine regionale geschichte zur metapher und interessiert den Rest der Welt."

// knut boeser, fauler kulissenzauber

 

"i didn't get married until i was 55. but boy was it worth to wait. he looked just like peter o'toole!"

// humans of new york

 

"wir sahen einander böse an. er, weil er vermutlich dachte, ich sei an allem schuld, und ich, weil das kein grund war, mich so anzuschauen."

// anna gavalda, nur wer fällt, lernt fliegen

 

"einer der nachteile, ein romanschriftsteller zu sein, so habe ich festgestellt, besteht darin, dass ich einen gegebenen augenblick offenbar nie wirklich ausfüllen kann. ein teil von mir ist immer irgendwo am rande, betrachtet, sucht nach kontext und subtext, stellt sich vor, wie ich den augenblick schildern werde, wenn er vorbei ist. (mein therapeut, dr. levine, war der ansicht, es hätte nichts damit zu tun, dass ich schriftsteller sei, sondern ausschließlich mit meiner egozentrischen und unsicheren art.)"

// jonathan tropper, kleinstadthölle

 

"wes dagegen hatte kein verständnis für weltreisende, denn was gab es außerhalb des eigenen monologs, der unendlichkeit des eigenen geistes schon zu sehen?"

// jesse browner, alles geschieht heute

 

"jede geschichte hat etwas von einem archipel. Ihre protagonisten sind miteinander verwoben, auch ohne direkte berührungspunkte. sie glauben ihre souveränität erstreckt sich auf die zwischenräume, auch wenn sie weit auseinander liegen. miteinander verbunden doch mitunter unerreichbar – ganz nah beieinander und doch unerkannt... immer eine eigene kleine welt bildend, von zwei bis unendlich!"

// anonym

 

"die leute in meinen büchern haben ja eines gemeinsam: es sind nicht ihre ideen und meinungen, die zählen, sondern ihr wesen. meinungen von menschen sind langweilig. mich interessiert ihr temperament. ihre nerven. ihre fähigkeit, das leben zu ertragen."

//yasmin reza, interview süddeutsche

 

"the most beautiful people we have known are those who have known defeat, known suffering, known struggle, known loss, and have found their way out of the depth. these persons have an appreciation, sensitivity, and an understanding of life that fills them with compassion, gentleness, and a deep loving concern. beautiful people do not just happen.

// elizabeth kübler-ross

 

"people can only eat through their mouth. you can't put it in their ears."

// christopher vogler, autor von ,the writer's journey'

 

"wer sich nicht ständig neu erschafft, ist bald des todes."

// bob dylan

 

"man braucht fürs schreiben jede menge zeit zum verschwenden."

// ian mc ewan

 

"aber wie ich inzwischen weiß, ist es etwas völlig anderes, zu verstehen, dass sich das eigene leben von grund auf ändert, als die furchtbare realität dieser situation zu akzeptieren. die stimme der vernunft, die einem sagt: >folgendes ist passiert, es lässt sich nicht mehr ungeschehen machen, und du musst irgendwie damit leben<, wird immer wieder von einer wütenden, sich überschlagenden stimme übertönt. von einer stimme, die gegen die ungerechtigkeiten des lebens protestiert, gegen all das unheil, das wir uns und anderen antun. von einer stimme, die unablässig flüstert: vielleicht ist alles deine schuld."

// douglas kennedy, aus der welt

 

"ich mache einen moment die augen zu und atme durch. erwachsene haben eine gabe, kindern mit floskeln den nerv zu ziehen. kaum etwas auf der welt lässt einen die einsamkeit stärker spüren als das nichts, das sich hinter solchen sätzen verbirgt. erwachsene vergessen so schnell, dass kinder keine kinder sind.

// thomas glavinic, der jonas komplex